Im Fluß

 

Zu dem Artikel in der Kreiszeitung vom 29.1.2018 https://www.kreiszeitung.de/lokales/rotenburg/zeven-ort52236/natur-geht-bach-runter-9565223.html hat Jürgen Wahlers einen Leserbrief geschrieben, der hier nochmal ungekürzt wieder gegeben wird.

Der Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes Obere Oste, Wilhelm Meyer, zeigt sich skeptisch, dass die Europäische Wasserrahmenrichtlinie bis 2027 in Deutschland umgesetzt sein wird. Bemerkenswert! Ist doch die Umsetzung der WRRL in Deutschland durch das Wasserhaushaltsgesetz des Bundes (WHG) von 2009 und in Niedersachsen durch das Niedersächsische Wassergesetz (NWG) eine hoheitliche Aufgabe, die hierzulande in der Regel den Unteren Wasserbehörden der Landkreise und auch den Unterhaltungsverbänden zukommt. Ziel der WRRL ist die Herstellung des guten ökologischen Zustands bzw. Potenzials von Oberflächengewässern sowie des guten chemischen und mengenmäßigen Zustands von Grundwasserkörpern. Diese Ziele hätten bereits 2015 erreicht sein müssen und wurden in Deutschland auf das Jahr 2027 verschoben. Die im bundesdeutschen Wasserverbandsgesetz ohnehin bereits seit 1991 festgeschriebenen „zulässigen Aufgaben“ von U-Verbänden zeigen im § 2 allerdings eine hohe Übereinstimmung mit den Zielen der „erst“ anno 2000 ratifizierten WRRL. Die Erreichung dieser Ziele ist demnach ureigenste Aufgabe von Herrn Meyer. Versucht da also mal wieder jemand in verantwortlicher Position, das eigene langjährige Versagen durch  eine „progressive Öffentlichkeitsarbeit“ zu kaschieren?

Die Situation ist verzwickter, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Derzeit laufen gegen die Bundesrepublik Deutschland unter anderem Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Union wegen Verstößen gegen die Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (FFH) und gegen die Nitratrichtlinie. Um eine Verurteilung in diesen beiden Fällen, woraus Strafgeldforderungen in Milliardenhöhe resultieren dürften, abzuwenden, will Deutschland die gemeldeten FFH-Gebiete bis Ende 2018 in den meisten Fällen als Natur- oder Landschaftsschutzgebiet gesichert haben und hat unlängst eine neue Düngeverordnung erlassen. Brüssel hingegen will die beiden Umwelt-Verstöße sogar zu einem Verfahren zusammenfassen, also statt weiterem Entgegenkommen gegenüber dem „Bruttoeinzahler Deutschland“ eine Verschärfung bewirken. Strafgelder aber muss ein Jeder von uns zahlen. Dieser juristische ist aber ist auch nur ein Teilaspekt.

Die von Meyer als ein „Zuviel“ auch hinsichtlich der Zielerreichung der WRRL kritisierten hohen Nährstofffrachten sind nämlich ebenso in Bezug auf die FFH- wie auch die Nitrat-Richtlinie von Relevanz. Die unlängst vom Bundesumweltamt angekündigte absehbare Erhöhung der Trinkwasserkosten für uns Verbraucher hängt neben den direkten Einträgen zumeist aus der Landwirtschaft auch mit dem so genannten „Diesel-Skandal“ zusammen. Denn die aus Fahrzeugen emittierten Stickoxide kommen mit dem Regen zumindest teilweise als Nitrat wieder auf die Fläche zurück (Hintergrundbelastung) – zusätzlich zu landwirtschaftlichem Dünger. Der Ausstoß klimarelevanter Gase aus Fahrzeugen darf dabei ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Denn sogar der Klimawandel spielt in der Gesamtproblematik, die Herr Meyer anspricht, eine zentrale Rolle – und das nicht nur, weil hier bereits das nächste Vertragsverletzungsverfahren droht.

Wenn also der U-Verband die Zielerreichung von (aus gutem Grund von der EU geforderten und von Deutschland ratifizierten) gesetzlichen Pflichtaufgaben für utopisch hält, weil es ein „Zurück zu den Zuständen vor 250 Jahren“ nicht geben könne, mag das zwar Anwohnern von Bächen und Flüssen ebenso wie LandwirtInnen einigermaßen schlüssig, ja sogar wünschenswert scheinen – ebenso wie andererseits vielleicht das Klagen „der Landwirtschaft“, ständig neue Einschränkungen bei der Flächennutzung an Gewässern oder deren Düngung hinnehmen zu müssen. Wenn aber gleichzeitig Prognosen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung an der Wümme bis zum Jahr 2055 um etwa 3,5 °C höhere Temperaturen im Januar (also seltener gefrorene und damit maschinenbefahrbare Böden an Ufern zwecks Gewässerunterhaltung) und zusätzlich zwischen Oktober und März um bis zu 125 mm mehr Niederschlag (und damit häufigere Hochwässer auch im Siedlungsraum) erwarten lassen, stellt sich fast schon die zynische Frage, ob die von Meyer statt dessen skizzierte Entwicklung zu auflandenden und ausufernden Flüssen nicht zu begrüßen wäre. Denn regelmäßig überflutete organische Böden wie solche in Flussauen speichern Klimagase wie CO2 und Methan, die wir alle als Gesellschaft wegen ihrer Klimawirksamkeit ja eben gerade nicht in der Atmosphäre wirken lassen wollen. Soll sich die außer Rand und Band geratene Natur doch selbst regulieren – solange ich davon keinen Nachteil habe?

Schon diese knappe Analyse muss vielmehr endlich von jedem/r Einzelnen/er von uns allen so verstanden werden, dass es ein „Weiter so“, und sei es aus Resignation oder „weil ein Zurück nicht denkbar sei“, nicht länger geben darf. Breitere Randstreifen reichen da nicht einmal annähernd aus. Ziel muss vielmehr sein, nicht die Welt irgendwelchen sektoralen Lobbyismen entsprechend gestalten und dabei die Augen vor der Zukunft und komplexen Zusammenhängen zu verschließen, sondern durch ein konstruktives und verantwortungsvolles Miteinander erhalten zu wollen.

Verbraucherbewusstsein etwa beim Fleischkonsum ist dabei ebenso zu fördern wie das Wissen um wissenschaftliche Zusammenhänge um Insektensterben und Lebensmittelpreise oder um Klimaprognosen bei Verantwortlichen und Entscheidungsträgern. Das beginnt zwar auf dem Weltklimagipfel in Paris, endet aber bei der Besetzung der Gremien eines Unterhaltungsverbandes oder von Ausschüssen kommunaler Parlamente. Alexander von Humboldt hat gesagt, die „Gefährlichste Weltanschauung sei die Weltanschauung der Menschen, die die Welt nie angeschaut haben“. Antwort kann neben einer breiten Umweltbildung bereits im Kindesalter nur ein stets miteinander reflektiertes „Think global, act local“ sein. Das ist nicht lakonisch, sondern logisch – fordert aber uns alle!

Jürgen Wahlers

 
    Landwirtschaft     Niedersachsen     Umwelt und Nachhaltigkeit
 

 


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